Beobachten & ausprobieren

Kann Sprache dein Leben verändern ?

Du hast Bekanntschaft mit den sechs apokalyptischen Mindf***-Reitern geschlossen und gezählt, wie häufig sie angaloppiert kommen. Oder zumindest gemerkt, dass die Zahl ihrer Ankünfte ziemlich hoch ist. Du hast gefühlt, was ihr Auftreten mit dir macht. Du hast ein paar Möglichkeiten kennengelernt, wie du die Reiter eliminieren kannst. Und wahrscheinlich hast du gemerkt, dass das gar nicht so einfach ist.

 

 

Aber warum? Zuerst mal Fakten: Die deutsche Sprache ist extrem wortreich – trotzdem gibt es selten zwei Begriffe, die genau, völlig exakt, das gleiche aussagen. Kennst du ein anderes Wort für ›müssen‹? Also ich kenne keins. Wörter einfach weglassen geht auch nicht immer, dann ergibt der Satz keinen Sinn mehr. Und es fällt uns obendrein extrem schwer. Und wenn wir Sätze umstellen oder auseinandernehmen? Dann ändert sich die Satzaussage, der Sinn.

 

 

Beobachtung

Während du versucht hast, die apokalyptischen Reiter abzuwehren, hast du eventuell manchmal blöd aus der Wäsche geschaut und nach passenden Worten gesucht. (Willkommen in meiner Welt!)

Die Texterin hat gesagt, du darfst jetzt nicht mehr ›Aber‹ sagen, also hast du diesen Satz mit Aber im Hirn, ertappst dich, willst das Wort austauschen, weglassen oder den Satz umbauen und merkst, dass die Satzaussage nicht mehr die gleiche ist. Zum Beispiel so:

 

»Ich mag eigentlich keinen Broccoli, aber ... Nee. Warte. Hm. Eigentlich hab ich gar nix gegen Broccoli. Eigentlich? Moment. Nee, ich hab nix gegen Broccoli. Er schmeckt mir nur nicht. Aber? Aber ich ess ihn heut trotzdem? Ja Moment, aber er schmeckt mir doch nicht. Auch wenn ich nix gegen ihn hab. Also nochmal von vorne: Broccoli schmeckt mir nicht, also mag ich ihn auch nicht essen.«

(Armer Broccoli.)

 

Noch eins? Nehmen wir den ersten Satz am Morgen: »Wecker klingelt. Ich muss aufstehen. Die Texterin hat gesagt, das ›müssen‹ böse ist. Neuer Versuch. Ich will aufstehen. Nicht wirklich. Ich darf aufstehen. Na Glückwunsch. Ich stehe auf. Echt jetzt?«

›Ich stehe auf‹ ist die Kurz-und-schmerzlos-Version. Probier ma, ob dir der Gedanke beim Aufstehen hilft, ich würde nicht dagegen wetten. Wenn du ein Faible für positives Denken hast, bleibst du vielleicht bei ›Ich will aufstehen‹ hängen – und merkst, dass du dich gerade selbst belügst. Schließlich ist das Bett warm und die Welt da draußen kalt und gemein. Such dir einen Grund. Finde dein Warum. Diskutier es mit dir aus. So vielleicht:

»Okay, also ich will nicht aufstehen, weil das Bettchen so schön warm ist. Aber ich hab das Gefühl, dass ich aufstehen muss. Weil ich um acht im Büro sein muss. Moment, muss ich das? Hm, schon. Alles andere gibt nur Ärger und auf der Arbeit ist viel zu tun. Also, ich will jetzt aufstehen, damit ich in Ruhe meinen Kaffee trinken kann und um acht im Büro aufkreuze.«

 

Tu dir vielleicht einen Gefallen und probier das nicht direkt am frühen Morgen aus. Erstmal üben, wenn du richtig wach bist. Der Endgegner läuft nicht weg.

 

 

Warum?

Letztlich geht es bei dem Spielchen immer um zwei Dinge: Du triffst eine Entscheidung – mag ich Broccoli oder nicht? Stehe ich auf oder nicht? Und du hinterfragst deine Gründe, dein Warum – was hab ich denn gegen Broccoli? Und wieso zur Hölle stehe ich morgens auf?

Broccoli erscheint dir wahrscheinlich so irrelevant, dass du ihn gar nicht hinterfragen magst. Und morgens aufstehen ... Hast du dich schon mal gefragt, wofür du morgens tatsächlich aufstehst? Da kommt man dann schnell beim Sinn des Lebens raus.

Dazwischen liegen tausend andere Fragen, die du dir stellen wirst, wenn du die apokalyptischen Reiter streichst. Auf viele davon wirst du auch eine Antwort finden. Und mit der Zeit siehst du verschiedene Dinge klarer, kannst sicherer Entscheidungen treffen und wirst dich weniger gestresst fühlen. Und das alles nur, indem du Kleinigkeiten in deiner Sprache, in deinen Gesprächen mit dir selbst veränderst.

Das klappt nicht von heute auf morgen und du wirst auch nicht an den Punkt kommen, wo du euphorisch sagen kannst »Heureka, jetzt hab ich's geschafft!« (Sorry.) Es ist einfach ein Prozess, in dem du dich beobachten kannst und durch den sich Dinge in deinem Leben ändern werden.

 

 

Tipps für den Selbstversuch

Und jetzt verstehst du vielleicht, warum es mir etwas schwer gefallen ist, einen vernünftigen Titel für die Artikelserie zu finden. Es geht nur um kleine neue Sprachgewohnheiten – und die sollen das Leben verändern?

Ja, tun sie.  Ich habe keine Ahnung, ob sich das wissenschaftlich belegen lässt oder welchen wissenschaftlichen Hintergrund es dafür überhaupt geben könnte. Fakt ist: Du kannst es einfach ausprobieren. Du hast nichts zu verlieren und es kostet auch nichts.

 

Zum Abschluss kommen hier noch drei Tipps für den Selbstversuch:

1. Wenn du kannst, such dir einen Versuchspartner, mit dem du relativ viel sprichst. Das kann dein Lebenspartner, ein Freund oder ein Kollege sein. Macht euch gegenseitig drauf aufmerksam, wenn ihr die apokalyptischen Reiter beim anderen hört. So wird es einfacher.

2. Gewöhn dir eine kleine Handlung an, wenn du dich selbst ertappst. Unser Gedächtnis ist (zum Glück) so gestrickt, dass wir kleine Fehler schnell wieder vergessen. Das macht es ziemlich schwierig, Gewohnheiten zu ändern. Behalte dir also deine apokalyptischen Reiter im Gedächtnis, indem du irgendwas tust, wenn du sie verwendet hast oder gerade verwenden wolltest. Vielleicht mit dem Finger schnippen oder mit dem Mittelfinger zweimal auf den Daumen tippen. Besser NICHT mit der flachen Hand ins Gesicht schlagen, das wirkt in der Öffentlichkeit mitunter etwas seltsam.

3. Gewöhn dir keinen neuen Automatismus an. Also ersetze nicht routinemäßig ›müssen‹ durch ›wollen‹. So ziehst du einfach einen neuen Reiter groß und es ändert sich eher wenig.

 

 

Ich wünsch dir viel Spaß beim Ausprobieren! Wenn du Lust hast, kannst du deine Erfahrungen in den Kommentaren teilen.

 

Hier findest Du Teil 1 und Teil 2 der Artikelserie.


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